Frankfurter Stadtbote vom 20.März 2006

Das älteste Wohnzimmer der Stadt

Imposante Tonnengewölbe in der Löwen-Apotheke /
Zu den Hauseigentümern gehörten Universitäts-Professoren

Von Werner Mandel
und Jörg Kotterba

Manch einer läuft an einem Kleinod vorbei - und ahnt nicht, dass sich hinter den denkmalgeschützten Häusern Große Oderstraße 42 mit der Löwen-Apotheund den ehemaligen "Buden" in der angrenzenden Forststraße 1 und 2 die ältesten Wohnhäuser der Stadt verbergen.

Dass St. Marien und die Franziskaner Klosterkirche, die heutige Konzerthalle, zu den ältesten Bauwerken Frankfurts zählen, ist ihnen anzusehen. Dass aber die Häuser Forststraße 1/2 sowie die Große Oderstraße 42 in jener Zeit entstanden, als die beiden Kirchen gerade fertiggestellt wurden, nämlich um 1520 - nein, das ist ihnen nicht anzumerken. Äußerlich wurde viel an diesen heute ältesten Wohnhäusern der Stadt verändert, seit dem 17. Jahrhundert immer wieder im Zeitgeschmack umgebaut und modernisiert.
Im Inneren hat sich aber Erstaunliches erhalten.

Im Mittelalter bauten in Nähe des Rathauses, in der Großen Oderstraße, in der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Straße sowie der Forststraße die Bürgermeister und Ratsherren, die vornehmen Geschlechter - also die reichen Kaufleute und Patrizier, wohlhabende Handwerksnach 1506 auch Professoren der Universität, ihre Häuser. Das waren nicht die kleinen Holz- oder Fachwerkhäuser der Handwerker oder gemeinen Bürger, die der Architekt Berger-Schaefer noch Anfang des 20. Jahrhunderts, zum Beispiel in der Kleinen Scharrnstraße, vorfand: Grundfläche sieben mal sieben Meter, das Erdgeschoss mit Backsteinen gemauert, ein ungegliederter Raum als Wohn- und Arbeitsraum mit niedriger Holzbalkendecke, zwei Türen zur Straße und zum Hof, hofein Herd mit offenem Feuer und umfangreichen Rauchfang und eine steile Stiege zum Obergeschoss. Nein, in Rathausnähe standen mehrgeschossige, aus Backstein aufgeführte Massivbaumit Giebeln zur Straße, mit Speicherböden unter hohen Dächern sowie Kellern als Waren- oder Vorratslagern. Im Verlaufe der Stadtgeschichte wurde vieles an ihnen verändert, Seitengebäude angebaut, die Giebel abgebrochen. Damit standen schon im 19. Jahrhundert viele der Häuser traufseitig zur Straße. Die Tordurchfahrten und Dielen wurden zu Ladengeschäften umfunktioniert, vieles modernisiert oder abgerissen und neu gebaut.

Ende des Zweiten Weltkriewird das Stadtzentrum fast völlig zerstört - aber nicht einige Häuser an der Nordseite der Forststraße. Die Forststraße 2, vielen Frankfurtern als Kabarettkeller der "Oderhähne" in Erinnerung, war am Beginn des 16. Jahrhunderts ein schmales, langgestrecktes Kaufmannshaus mit einem Obergeschoss und Giebel zur "Worstgasse", wie die Forststraße damals hieß. Sein Grundriss entspricht den beiden Tonnengewölben - etwas zehn Meter breit und 24 Meter lang -, früher die Spielstätte und der Gast- und Arbeitsraum der Kabarettisten.

Westlich davon befand sich eine Tordurchfahrt zum Hof (rechts neben dem als Zugang zum Kabarettkeller genutzten Torweg). Betrat man damals das Giebelhaus von der Worstgasse aus, befand man sich in einer vier Meter breiten Diele, links und rechts davon zwei Räume, die als Schreibstube bzw. als Warenlager gedient haben könnten. In der Mitte des Hauses verbreiterte sich die Diele auf sieben Meter. Das war der Geschäfts- und Familienraum, an dessen Decke Berger-Schaefer noch den Haken für den Waagebalken vorfand. Hier führte eine Treppe in das Obergeschoss in weitere Wohn- und die Schlafräume.

Im Erdgeschoss schlossen sich an die breite Diele hofseitig gewölbte Räume, wie heute noch vorhanden, andere mit Balkendecke an, zwei unbeleuchfür Waren, zwei beleuchtete Wohnräume und die Küche mit Rauchfang.

Später wurde die Hofdurchfahrt übermauert, oderwärts ein Seitengebäude angeügt, das Ganze um eine Etage aufgestockt, so dass das Haus nun traufseitig zur Forststraße steht. Bei der Instandsetzung 1974 wurde die Hofdurchfahrt verschlossen.

Wer heute die Löwen-Apotheke in der Großen Oderstraße 42 betritt, ahnt nicht, dass er in der Diele des Kaufmanns, Ratsherren und Kämmerers Merten Knobloch steht, der dieses Eckhaus seit etwa Anfang des16. Jahrhunderts sein Eigen nannte. Diese Diele maß siebeneinhalb mal neun Meter und nahm die ganze Breite des Hauses ein. Sie wird von einer heute noch erhaltenen, mit Ranken bunt bemalten Holzbalkendecke überspannt.

Das unter dieser Diele liegende Kellergeschoss besteht aus einer zweischiffigen Halle, deren Decke aus einem in drei Joche gegliederten Kreuzrippengewölbe besteht (so attraktiv, dass man 1881 darin das Restaurant "Klosterkeller" etablierte). Dieser gewölbte Keller stammt wahrscheinlich schon aus dem 14. Jahrhundert. Im oberen Stockwerk befanden sich Wohn- und Schlafräume, die möglicherweise über einen oderwärts gelegenen Anbau erreichbar waren.

Seit Mitte des 15. Jahrhunderts war es in Städten mit raschem Bevölkerungszuwachs wie in Frankfurt üblich, Mietshäuser, so genannte "Buden", in unterschiedlicher Größe und Qualität auf städtischem Grund und Boden durch den Rat oder privat auf freien Flächen an den Häusern zu errichten. So auch durch Merten Knobloch oder seinen Vorgänger. Die heutige Forststraße 1 ist nämlich eine solche, noch im 18. Jahrhunso bezeichnete "Bude". Die Große Oderstraße 42 und die Forststraße 1 trugen bei der ersten Nummerierung der Frankfurter Häuser gemeinsam die Nr. 616. Später wurde sie zur Forststraße 8, 9 und 10 mit drei separaten Haus- und Kellereingängen, also drei Wohneinheiten. die erst 1972 bis 1974 beseitigt wurden.

Diese "Bude" war vom ebenfalls tonnengewölbten Keller bis in Oberschoss - wie Merten Knoblochs Eckhaus hatte es nur eines - durch eine durchgehende Längswand in einen breiteren Süd- und einen schmaleren Nordteil getrennt.
Alle drei Räume des nördlichen Erdgeschosses besitzen ein Kreuzrippengewölbe und Wandnischen. Ein vierter Raum an der Westseite ist ebenfalls gewölbt. Im darüberliegenden des Obergeist eine Wandnische erhalten. War das eventuell der Zugang zum Obergeschoss des Eckhauses? Bemerkenswert ist, dass ein Teil der Gewölberippen mit denen in der Sakristei der St. Marienkirche und des Langhauses des FranziskaKlosterkirche aufweisen, also um 1520 entstanden.

Wenn aber die 7,50 Meter breite Diele die gesamte Breite des Eckhauses einnahm, was ist mit dem restlichen nördlichen Teil?
Apotheke
MOZ210306GeschichteFrankfurt INFO